Cross Country – Frühling in Schottland

Tag 10 – Sonn­tag, 03. Juni 2018
I wish I could fly – Brack­nell nach London

„When a man is tired of Lon­don, he is tired of life; for the­re is in Lon­don all that life can afford.” – Samu­el Johnson

Nun bin ich also zurück in Lon­don, dort wo mei­ne Rei­se begon­nen hat. Dass ich aber heu­te schon hier bin, hat einen beson­de­ren Grund. Ich will end­lich einen Ort besu­chen, den ich vor rund zwei Jah­ren ent­deckt habe, der aber nur jeweils am ersten Sonn­tag im Monat geöff­net hat. Wie gut, dass heu­te der erste Sonn­tag im Monat Juni ist.

So führt mich der Weg nach Croy­don, dort­hin, wo ich zu Sil­ve­ster 2016/​17 im Hil­ton Hotel über­nach­tet habe. Genau gegen­über befin­det sich näm­lich der aller­er­ste Flug­ha­fen von Lon­don. Und die­ses Flug­feld, wie man es bes­ser nen­nen soll­te, hat einst Geschich­te geschrieben.

Um aber hier einen Blick hin­ter die Kulis­sen wer­fen zu kön­nen, muss ich an einer Füh­rung teil­neh­men. Das Haus kann man zwar von außen jeder­zeit anse­hen, aber das war es dann auch schon. Der Haken an der Sache, die Füh­run­gen fin­den nur am ersten Sonn­tag im Monat statt, denn das Croy­don Air­port Visi­tor Cen­ter wird von Ehren­amt­lern betrie­ben. So stand der Wunsch hier­her­zu­kom­men, schon lan­ge auf mei­ner Liste und auf die­ser Rei­se hat es end­lich geklappt.

Vor dem Gebäu­de tref­fe ich Jack. Er liebt Flie­gen und alles, was mit Flug­zeu­gen und Flug­hä­fen zu tun hat. So ist es kein Wun­der, dass es ihn hier­her­ge­zo­gen hat, um Besu­chern die Geschich­te die­ses ganz beson­de­ren Ortes näherzubringen.

Der Rund­gang beginnt vor dem Gebäu­de, genau unter der De Havilland DH.114 Heron, die vor dem Gebäu­de auf­ge­stellt ist. In den 1950er Jah­ren wur­den die­se Flug­zeu­ge im Regional- und Zubrin­ger­dienst eingesetzt.

Jack führt uns um das Gebäu­de her­um. Air­port Hou­se, wie der Ter­mi­nal heu­te heißt, ist der erste Flug­ha­fen­ter­mi­nal welt­weit, der genau für die­sen Zweck gebaut wur­de, näm­lich Flug­pas­sa­gie­re abzu­fer­ti­gen. Und Croy­don war der erste inter­na­tio­na­le Flug­ha­fen von Groß­bri­tan­ni­en. Von 1920 bis 1959 wur­de hier Flug­be­trieb durch­ge­führt. Aber die Geschich­te des Croy­don Aero­do­me, wie der Flug­ha­fen zuerst genannt wur­de, begann sogar noch frü­her. Bereits 1915 wur­de hier eine Basis ein­ge­rich­tet, die dafür sor­gen soll­te, deut­sche Zep­pe­li­ne abzu­fan­gen. Das Pro­blem, sowohl Flug­kennt­nis­se als auch Luft­über­wa­chung steck­ten noch in den Kin­der­schu­hen und es konn­te bis zu einer Stun­de dau­ern, bis man einen Zep­pe­lin ent­deck­te. Und selbst dann, konn­te kaum etwas aus­ge­rich­tet wer­den, denn man ver­such­te ledig­lich mit Haken und Pisto­len den Zep­pe­lin vom Him­mel zu holen. Erst mit der Erfin­dung von Brand­mu­ni­ti­on hat­te man mehr Erfolg.

Nach dem Ersten Welt­krieg ent­wickel­te sich der Flug­ver­kehr rasant und auch immer mehr Pri­vat­leu­te woll­ten nun flie­gen. Am 29. März 1920 wur­de des­halb der Croy­don Air­port in Betrieb genom­men. Er war der erste Flug­ha­fen im Ver­ei­nig­ten König­reich und wer auf die Insel oder von ihr flie­gen woll­te, der muss­te nach Croy­don. Die erste Flug­ge­sell­schaft war Impe­ri­al Air­ways (spä­ter BOAC-​British Over­se­as Air­ways bzw. Bri­tish Airways).

Auf der Rück­sei­te des Hau­ses ist dann das abso­lu­te High­light des Gebäu­des zu sehen, der Tower von 1928 und der erste sei­ner Art welt­weit. Zuvor wur­den die Flü­ge aus klei­nen Hüt­ten auf dem Flug­feld abge­fer­tigt, was aber nicht effi­zi­ent genug war. Und noch etwas wur­de hier zum ersten Mal im Flug­ver­kehr ein­ge­setzt, zum ersten Mal wur­de Funk­ver­kehr mit Spra­che genutzt, der nach und nach die Mor­se Über­tra­gung ablö­ste. Schon 1923 wur­de genau hier auch der inter­na­tio­na­le Not­ruf erfun­den. Fun­ker Fred Mock­ford wur­de gebe­ten, sich einen Not­fall­code ein­fal­len zu las­sen und er schlug „May­day, May­day, May­day” vor. Haupt­grund dafür, fast alle Flü­gen gin­gen von Croy­don nach Paris und May­day klang so ähn­lich wie „M’ai­dez”, was fran­zö­sisch hel­fen sie mir bedeutet.

Schließ­lich sind wir zurück vor dem Haupt­ein­gang. Hier kamen die Pas­sa­gie­re an und hier betra­ten sie zum ersten Mal den Flug­ha­fen. So ein Flug von Croy­don, das war der abso­lu­te Aus­druck von Luxus in den 1920er und 1930er Jah­ren. Ver­gleich­ba­res gab es nicht. Wer es sich lei­sten konn­te, der trat eine Flug­rei­se an. Und die star­te­te bereits mit einem Limousinen-​Transfer aus der Lon­do­ner Innen­stadt. Danach gab es ein drei Gän­ge Menü, bevor der Flug über­haupt startete.

Jack führt uns nun in das ehe­ma­li­ge Ter­mi­nal­ge­bäu­de, das heu­te als Büro­ge­bäu­de genutzt wird. Des­halb gibt es auch einen Emp­fangs­tre­sen in der Mit­te des Rau­mes. Der war natür­lich frü­her nicht da. Anson­sten ist das Gebäu­de aber in einem bemer­kens­wer­ten Zustand. Es ist wirk­lich ein Glück, dass es erhal­ten wurde.

Die­ses Haus und die­ses Hal­le, so erzählt uns Jack, waren in den zwan­zi­ger Jah­ren das Zen­trum des Uni­ver­sums. Jeder, der etwas war, woll­te hier sein. Wäh­rend in den USA der zivi­le Flug­ver­kehr erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg rich­tig durch­star­te­te, konn­te man von Croy­don bereits nach Paris, Amster­dam, Rot­ter­dam und ab 1923 auch nach Ber­lin flie­gen (Anmer­kung: in dem Jahr wur­de der Flug­ha­fen Tem­pel­hof eröffnet).

Beson­ders die Hol­ly­wood­stars der dama­li­gen Zeit woll­ten hier gese­hen wer­den. So gibt es Auf­nah­men von Char­lie Chap­lin, Mary Pick­ford, Dou­glas Fair­banks jr., Gra­cie Fields, Rita Hay­worth und auch John F. Ken­ne­dy. Sie alle star­te­ten und lan­de­ten in Croy­don. Doch sie waren nicht die einzigen.

Flug­pio­nier Charles Lind­bergh flog nach sei­ner New York-​Paris Atlan­tik­über­que­rung hier­her und wur­de in Croy­don gefei­ert. Alan Cob­ham flog 1925/​26 von hier nach Kap­stadt und zurück. Bert Hin­k­ler star­te­te 1928 von Croy­don zum ersten Mal nach Dar­win und nur ein Jahr spä­ter schaff­te Charles King­ford Smith die Strecke noch schnel­ler (Anmer­kung: Der Flug­ha­fen Syd­ney ist noch heu­te nach dem austra­li­schen Flug­pio­nier benannt.). Auch eine Frau war unter den Flug­pio­nie­ren, die von Croy­don in alle Welt flo­gen, doch die­se Geschich­te erzählt Jack erst später.

Zuerst ein­mal schau­en wir uns wei­ter im Ter­mi­nal um. An einer Wand gibt es ein gro­ßes Bild mit den Flug­zeu­gen der dama­li­gen Zeit. Dar­über befin­det sich eine Nach­bil­dung der ersten Abflug­ta­fel. Die bestand nur aus ver­schie­de­nen Uhren, die die Abflug­zei­ten anzeig­ten. Mit zuneh­men­dem Flug­ver­kehr wur­de das aber schnell zu ver­wir­rend und so schon zwei Jah­re nach der Eröff­nung wie­der abgeschafft.

Ein Modell zeigt das Ter­mi­nal­ge­bäu­de, das dahin­ter befind­li­che Flug­feld, das erste Flug­ha­fen­ho­tel der Welt auf der rech­ten Sei­te und die Flug­zeug­werft auf der lin­ken. Denn in Croy­don star­te­ten die Flug­zeu­ge nicht nur, sie wur­den auch gleich hier vor Ort gebaut.

Durch eine Tür im hin­te­ren Teil des Ter­mi­nals fol­gen wir Jack tie­fer in das Gebäu­de hin­ein. Ab hier darf man nur noch mit einem Gui­de unter­wegs sein, wäh­rend die Lob­by zu den Öff­nungs­zei­ten auch auf eige­ne Faust ange­se­hen wer­den kann.

Im angren­zen­den Flur sind histo­ri­sche Foto­gra­fien zu sehen, die den Flug­ha­fen Croy­don in Betrieb zei­gen. Gleich das erste Bild zeigt die Frau, die hier Geschich­te geschrie­ben hat – Amy John­son. Die bri­ti­sche Flug­pio­nie­rin war die erste Frau, die im Jahr 1930 allein von Lon­don nach Austra­li­en flog. Auf dem Bild zu sehen sind die Pilo­tin und ihr Flug­zeug. John­son war übri­gens zuvor nie so weit geflo­gen. Ihre wei­te­ste Strecke waren 237 Kilo­me­ter bis nach King­s­ton upon Hull. Und über­haupt trau­ten die mei­sten Leu­te einer Frau das Flie­gen sowie­so nicht zu. Doch die taf­fe Pilo­tin schaff­te es nicht nur nach Austra­li­en, son­dern führ­te spä­ter auch noch vie­le wei­te­re erfolg­rei­che Flü­ge durch.

Die näch­sten Bil­der zei­gen dann Flug­zeu­ge, die in den 20er und 30er Jah­ren regel­mä­ßig in Croy­don zu sehen war. Dar­un­ter die hol­län­di­sche KLM und die deut­sche Luft­han­sa, die noch bis in die 30er Jah­re regel­mä­ßig von Ber­lin nach Lon­don flog.

Am Ende des Kor­ri­dors befin­det sich ein Trep­pen­haus, das in den Tower hin­auf­führt. Wäh­rend der Rest des Gebäu­des heu­te ver­mie­tet ist, gehört der Tower dem Ver­ein und ist ein klei­nes Muse­um. Damit die Besu­cher aber nicht in den ver­mie­te­ten Berei­chen her­um­lau­fen, darf man hier nur mit einem der Ehren­amt­ler hinauf.

Das Flug­zeug an der Decke ist eine Hand­ley Page H.P. 42, ein vier­mo­to­ri­ges Lang­strecken­flug­zeug, das ab 1931 im Dienst war. Es wur­den ins­ge­samt acht Exem­pla­re gebaut, von denen jedoch heu­te kei­nes mehr erhal­ten ist. Acht­zehn bis vier­und­zwan­zig Pas­sa­gie­re konn­ten in zwei Kabi­nen, vor und hin­ter den Trag­flä­chen, trans­por­tiert wer­den. Das Flug­zeug selbst war kom­plett aus Metall, nur die Trag­flä­chen waren mit Sperr­holz bespannt.

Schließ­lich führt Jack uns in den Haupt­raum des Towers. Hier wur­de der gesam­te Flug­ver­kehr über­wacht, wie das auch heu­te noch in einem Tower der Fall ist. Für die dama­li­ge Zeit gab eine bemer­kens­wer­te tech­ni­sche Aus­stat­tung, die hier gezeigt wird.

Alte Foto­gra­fien ver­deut­li­chen noch mehr die Arbeit, die hier auf dem Tower gelei­stet wur­de. So wur­de nicht nur der Funk­ver­kehr über­wacht, auch Strecken wur­den mit­hil­fe von über­di­men­sio­na­len Land­kar­ten berechnet.

Eben­so span­nend sind die vie­len aus­ge­stell­ten Doku­men­te. So gibt es Flug­rou­ten, Flug­plä­ne und man kann auch sehen, was so ein Flug damals geko­stet hat. Der Son­der­flug nach Bag­dad zum Bei­spiel koste­te 1927 gan­ze 91 Pfund. Wür­de man das in die heu­ti­ge Zeit umrech­nen, wären das über 5.750 Pfund. Und das war nicht etwa in der First Class, son­dern in einer klei­nen, engen Maschi­ne wie der auf dem Foto.

Schön anzu­se­hen sind auch die Abflug- und Ankunfts­zei­ten von Impe­ri­al Air­ways. So ein Flug nach Austra­li­en mach­te schon mal um die zehn Zwi­schen­stopps, inklu­si­ve Über­nach­tun­gen unter­wegs, denn Nacht­flü­ge waren meist zu gefähr­lich. Schließ­lich flog man ein­zig auf Sicht.


In einer Vitri­ne wird dann noch­mal Amy John­son gedacht, jener Bri­tin, die es als erste Frau allein nach Austra­li­en schaff­te und spä­ter auch nach Kap­stadt und New York. Trotz­dem nahm ihr Leben ein tra­gi­sches Ende. Im Zwei­ten Welt­krieg durf­te sie als Frau beim Mili­tär nicht im Cock­pit sit­zen, so mel­de­te sie sich als Pilo­tin für Trans­port­flü­ge. Auf solch einem Flug stürz­te sie vor der Them­se­mün­dung in die Nord­see. Ihre Lei­che wur­de nie gefun­den. Aus­sa­gen einer Schiffs­be­sat­zung bestä­ti­gen jedoch, dass ein Pilot mit dem Fall­schirm absprang und das Wrack ihrer Maschi­ne wur­de spä­ter geborgen.

Myste­ri­ös ist aber nicht nur das Ver­schwin­den von Amy John­son. Bis heu­te ran­ken sich Gerüch­te dar­um, dass sie eine gehei­me Fracht trans­por­tier­te oder gar einen Pas­sa­gier. Bewie­sen ist nichts davon und der Absturz nie end­gül­tig auf­ge­klärt wor­den. Die­ses Schick­sal teilt sie mit der berühm­ten Flie­ge­rin Ame­lia Ear­hart, die gar spur­los ver­schwand. Die bei­den Frau­en tra­fen sich nur weni­ge Jah­re zuvor noch in den USA.

Noch selt­sa­mer ist aber ein Zwi­schen­fall, der sich am 4. Juli 1928 zutrug. Der stein­rei­che Geschäfts­mann Alfred Loe­wen­stein bestieg mit eini­gen sei­ner Mit­ar­bei­ter ein Pri­vat­flug­zeug, um nach Bel­gi­en zu flie­gen, wo er mit sei­ner Fami­lie leb­te. Doch dort kam er nie an. Mit­ten über dem Kanal ging er in die Toi­let­te, wo sich auch der Aus­gang des Flug­zeu­ges befand und ver­schwand. Er war ein­fach weg. Die ande­ren Pas­sa­gie­re behaup­te­ten, er hät­te sich wohl in der Tür geirrt, denn am 19. Juli fand man an einem Strand sei­ne Lei­che. Es wur­de fest­ge­stellt, dass er beim Auf­prall auf das Was­ser noch leb­te. Wahr­schein­li­cher ist aller­dings, dass sei­ne Ange­stell­ten in ein Mord­kom­plott ver­wickelt waren, ange­stif­tet von sei­ner Frau. Was genau pas­siert ist, ist bis heu­te nicht abschlie­ßend geklärt. Die gesam­te Geschich­te wird hier noch ein­mal auf­ge­ar­bei­tet.

Hier oben im Tower gibt es dann noch die­se Groß­auf­nah­me des Flug­ha­fens. Man sieht sehr deut­lich, dass nur ein klei­ner Teil vor dem Ter­mi­nal gepfla­stert war. Start- und Lan­de­bah­nen waren ein­fa­che Pisten auf Gras.

Das war dann auch einer der Haupt­grün­de, war­um der Flug­ha­fen geschlos­sen wur­de. Die Flug­zeu­ge wur­den immer grö­ßer und schwe­rer und konn­ten auf dem unbe­fe­stig­ten Boden nicht mehr lan­den. Sie san­ken bei feuch­tem Wet­ter schlicht ein. Ein Aus­bau wie­der­um war auch nicht mög­lich, denn Lon­don wuchs immer mehr und die Gebie­te um den Flug­ha­fen waren inzwi­schen besie­delt. So wur­den anstatt die Flug­hä­fen London-​Heathrow und London-​Gatwick eröff­net. Der letz­te Lini­en­flug in Croy­don hob am 30. Sep­tem­ber 1959 ab. Eine Ära war zu Ende.

Aber zurück zur Aus­stel­lung, hier zeigt uns Jack, wie das mit dem Boar­ding frü­her so war. Ein­fach einen Platz reser­vie­ren und Ein­stei­gen ging da näm­lich nicht, denn das Gewicht muss­te noch mehr aus­ba­lan­ciert wer­den, als das heu­te der Fall ist. Des­halb wur­den alle Pas­sa­gie­re samt Gepäck vor dem Flug gewo­gen. Inter­es­sant ist auch, dass die Num­me­rie­rung der Sit­ze von hin­ten nach vorn ver­lief. Ein Gesamt­ge­wicht durf­te eben­falls nicht über­schrit­ten wer­den, sodass es durch­aus vor­kam, dass jemand auf dem gebuch­ten Flug nicht mit­rei­sen konnte.

Inter­es­sant ist auch der Rat­ge­ber für Flug­rei­sen­de. So gibt die­ses Heft­chen expli­zi­te Hin­wei­se für weib­li­che Pas­sa­gie­re und beant­wor­tet Fra­gen zu Klei­dung, Gepäck und Make-up.

Rich­tig span­nend wird es dann noch ein­mal bei der Aus­stel­lung der ver­schie­de­nen Flug­zeug­sit­ze. Wäh­rend der blaue Ses­sel ja schon recht modern aus­sieht, ver­set­zen uns die Fotos dane­ben schon in Erstau­nen. So sah ein Flug­zeug damals von innen aus?

Auch die­ser Dop­pel­sitz ist schon recht modern und immer­hin im Boden ver­an­kert, auch wenn man mit dem Mit­pas­sa­gier doch ganz schön auf Tuch­füh­lung geht.

Ganz aben­teu­er­lich wird es dann bei die­sem Stuhl. Ja, sol­che Korb­stüh­le waren die ersten Pas­sa­gier­sit­ze in Flug­zeu­gen. Fast unglaub­lich. Nicht nur, dass sie nicht sehr bequem waren, wenn man dar­auf meh­re­re Stun­den ver­brin­gen muss­te, ohne sich groß­ar­tig bewe­gen zu kön­nen, sie waren nicht ein­mal mit dem Flug­zeug­rumpf ver­bun­den. Bei Tur­bu­len­zen oder einer har­ten Lan­dung konn­te es für die Pas­sa­gie­re also ziem­lich unbe­quem werden.

Die Vitri­ne neben­an zeigt Geschirr, auf dem die Pas­sa­gie­re ihr Menü ser­viert beka­men, vor dem Flug, gleich hier im Ter­mi­nal. An Bord war für sol­chen Luxus näm­lich noch kein Platz. Bord­ser­vice ist erst eine Erfin­dung spä­te­rer Jahre.

Irgend­wann muss ich mich dann aber doch von Jack ver­ab­schie­den. Ich bin schon län­ger geblie­ben, um noch ein paar Fra­gen zu stel­len. Doch die näch­ste Grup­pe war­tet bereits auf der Trep­pe und da müs­sen wir ein­fach Platz machen. Als ich gehen will, rät mir Jack aber noch die gro­ßen Schau­ta­feln in der Lob­by anzu­se­hen. Dar­auf wer­den die Geschich­ten des Air­ports noch ein­mal leben­dig. Einer­seits die, die uns Jack schon erzählt hat, aber auch die, für die ein­fach kei­ne Zeit mehr blieb.

Eine Geschich­te, die mir noch ganz genau im Gedächt­nis geblie­ben ist, ist der gro­ße Raub. Auch so etwas gab es am Croy­don Air­port. Und das war nicht irgend­ein Raub, es war einer der größ­ten des 20. Jahr­hun­derts. Am 6. Mai 1935 betra­ten fünf Män­ner den Flug­ha­fen. Damals gab es nur einen ein­zi­gen Sicher­heits­mann, der gera­de im Ter­mi­nal unter­wegs war. Die Män­ner öff­ne­ten den Safe des Flug­ha­fens mit Gewalt und stah­len Gold­bar­ren im Wert von 21.000 Pfund (heu­te mehr als 1,5 Mil­lio­nen Pfund). Das Gold wur­de nie­mals wie­der­ge­fun­den und nur ein ein­zi­ger Ver­däch­ti­ger verhaftet.

Was ich auch noch span­nend fand, der Flug­ha­fen war damals eine Tou­ri­sten­at­trak­ti­on. Noch viel mehr als es Flug­hä­fen heu­te sind. Allein im Jahr 1936 kamen 107.059 Besu­cher, um auf der Aus­sichts­ter­ras­se den Flug­zeu­gen beim Star­ten und Lan­den zuzusehen.

Jack erzähl­te uns auf dem Rund­gang auch vom ersten Air­port Hotel, das hier in Croy­don ent­stand. Und auch das Hotel gibt es noch immer. Es sogar heu­te noch ein Hotel und man kann hier über­nach­ten. Ein­fach erstaunlich.

Den letz­ten Hin­weis auf ein Flug­ha­fen­ge­bäu­de bekam ich von Jack kurz bevor die Tour zu Ende war. Wenn ich den Park­platz ver­las­se, sol­le ich auf ein klei­nes Gebäu­de auf der rech­ten Sei­te ach­ten. Davor hat heu­te TGIs Fri­days sei­ne Wer­bung auf­ge­stellt, doch das Gebäu­de dahin­ter war damals Teil des Flug­ha­fens. Die Ehren­amt­ler vom Croy­don Visi­tor Cen­ter hof­fen eines Tages das Geld zusam­men­zu­be­kom­men, um es auch noch zu reno­vie­ren. Ich habe sie gern mit einer klei­nen Spen­de unter­stützt, denn das ist wirk­lich ein tol­les Pro­jekt, das die Damen und Her­ren hier am Leben erhalten.

Es ist schon frü­her Nach­mit­tag, als ich Croy­don wie­der ver­las­se. Doch der Tag ist ein­fach zu schön, um ihn jetzt schon zu been­den. Und so schaue ich in die HHA-​App, wel­che Häu­ser denn heu­te noch in der Nähe geöff­net sind. Dabei sto­ße ich auf Fir­le Place, das nur eine gute hal­be Stun­de süd­lich liegt.

Als ich in die Auf­fahrt ein­bie­ge, ist vom Haus noch nichts zu sehen. Erst ein­mal fol­ge ich der Zufahrt über wei­te Wie­sen, auf denen Scha­fe grasen.

Der Park­platz befin­det sich dann gleich vor dem Tor zum Gar­ten des Anwe­sens. Hier stel­le ich mein Auto ab und betre­te die schön bepflanz­te Terrasse.

Der erste Blick auf das Haus lässt mich dann etwas zusam­men­zucken. Das ist ja ein­ge­rü­stet. Klar, sowas muss auch mal sein, aber für Fotos ist es halt nicht so schön. Zum Glück scheint nur eine Sei­te betrof­fen zu sein.

Bevor ich zum Haus gehe, schaue ich mich ein wenig im Gar­ten um. Über eine klei­ne Trep­pe lau­fe ich über den Rasen bis zum HaHa, von wo aus ich Pfer­de auf der Wei­de beob­ach­ten kann.

Fir­le Place ist der Stamm­sitz der Vis­counts of Gage. Der­zeit lebt Nico­las Gage, 8. Vis­count Gage mit sei­ner Fami­lie im Haus. Schon seit dem 15. Jahr­hun­dert gehört der Fami­lie Gage die­ses Land, als sie es von der Fami­lie Levett erwor­ben hat. Das erste Haus wur­de für Sir John Gage erbaut, der hohe Posi­tio­nen am Hof inne­hat­te und unter ande­rem der Testa­ments­voll­strecker von Hein­rich VIII. war. Als Sir Wil­liam Gage, 7. Baro­net 1713 das Anwe­sen erb­te, ließ er das Haus umbau­en und in fran­zö­si­schem Sand­stein ver­klei­den, sodass es einem Châ­teau ähneln soll­te. Die­ses Aus­se­hen hat das Her­ren­haus noch heute.

Durch den for­mel­len Gar­ten gehe ich nun in Rich­tung Haus. Mit mei­ner HHA-​Mitgliedschaft habe ich hier mal wie­der kosten­frei­en Eintritt.

Die Innen­ein­rich­tung des Hau­ses wur­de über vie­le Jahr­hun­der­te zusam­men­ge­tra­gen. Dazu gehö­ren auch wert­vol­les Por­zel­lan und Gemäl­de von Künst­lern wie van Dyck, Rey­nolds, Rapha­el oder Gai­nes­bo­rough. Eben­falls inter­es­sant sind die natur­wis­sen­schaft­li­chen Samm­lun­gen aus dem 18. und 19. Jahr­hun­dert. Lei­der ist Foto­gra­fie­ren ver­bo­ten, da die Fami­lie die Räu­me noch immer bewohnt.

Da es noch nicht so spät ist und sich ein wei­te­res Her­ren­haus gleich um die Ecke befin­det, beschlie­ße ich, noch nach Glyn­de Place zu fah­ren. Schaun wir mal, ob man mich noch her­ein­lässt, da die Häu­ser meist eher schlie­ßen als die Gär­ten. Aber ver­su­chen kann ich es ja.

Der Zugang zum Anwe­sen erfolgt über das Kut­schen­haus, doch bevor ich hier hin­durch­ge­he, muss ich erst ein­mal den Park­platz fin­den. Der ist irgend­wie blöd aus­ge­schil­dert und befin­det sich auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te hin­ter einer Mau­er. Nach­dem ich mein Auto hier abge­stellt habe, lau­fe ich zurück und zum Tor.

Vom Kut­schen­haus kom­me ich in einen Innen­hof mit meh­re­ren Neben­ge­bäu­den und im Hin­ter­grund ist ein klei­ner Teil des Her­ren­hau­ses zu sehen. Ich gehe zur Kas­se und lege mei­ne HHA-​Karte vor. Dann erfah­re ich, dass es heu­te noch eine letz­te Füh­rung gibt, ich aber noch rund fünf­zehn Minu­ten war­ten müs­se. So set­ze ich mich im Hof auf eine Bank und genie­ße ein wenig die Sonne.

Da aber auch nach zwan­zig Minu­ten kein wei­te­rer Besu­cher mehr erscheint, bekom­me ich nun mal wie­der eine Pri­vat­füh­rung. Glyn­de Place wur­de 1569 für Wil­liam und Anne Mor­ley erbaut und ist noch heu­te in der­sel­ben Fami­lie, die aller­dings durch Hoch­zei­ten und Erb­schaf­ten inzwi­schen einen ande­ren Namen trägt. Der­zei­ti­ger Haus­herr ist Fran­cis Antho­ny Brand, 7. Vis­count Hamp­den, der hier mit sei­ner Frau Caro­li­ne und ihren drei Kin­dern wohnt.

Auf der Füh­rung durch das Haus darf ich so auch hier nicht foto­gra­fie­ren, was ich ein­mal mehr bedaue­re, aber es ist nicht zu ändern. Ich kann ja auch ver­ste­hen, dass die Fami­li­en ihre Wohn- und Schlaf­zim­mer nicht über­all im Inter­net sehen wollen.

Wäh­rend ich das Haus durch einen Sei­ten­ein­gang betre­ten habe, ent­lässt mich mein Gui­de nur durch die Vor­der­tür. Von hier habe ich einen tol­len Blick über die Ter­ras­se und das Anwe­sen, das sich dahin­ter erstreckt.

Bevor ich gehe, kann ich so noch einen schö­nen Blick auf die Vor­der­front des Hau­ses wer­fen. Glyn­de Place wur­de übri­gens zwi­schen 2008 und 2013 aus­führ­lich reno­viert. Um das zu finan­zie­ren, ver­kauf­te Vis­count Hamp­den ein wert­vol­les Gemäl­de aus der Fami­li­en­samm­lung. Das ist kein Ein­zel­fall und kommt in den Adels­fa­mi­li­en öfter vor als man denkt, denn nicht alle sind mit einem üppi­gen finan­zi­el­len Pol­ster aus­ge­stat­tet, wol­len ihren Fami­li­en­sitz aber nicht ver­lie­ren oder an den Natio­nal Trust über­ge­ben müssen.

Zurück zum Auto führt mich der Weg nun durch die Haupt­ein­fahrt zum Innen­hof. Mein Weg durch das Kut­schen­haus war sozu­sa­gen die Hin­ter­tür. Die zwei Fabel­we­sen auf den Sockeln sind das Wap­pen von Gyn­de Place.

Wäh­rend mei­ner Füh­rung durch Glyn­de Place hat mir der Gui­de noch gera­ten, die St. Marys Church zu besu­chen, die sich gleich neben dem Anwe­sen befin­det. So lau­fe ich die weni­gen Meter an der Stra­ße ent­lang zum Eingang.

Die klei­ne Kir­che wur­de um 1760 von Richard Tre­vor, dem Bischof von Dur­ham erbaut. Sein Eltern­haus war Glyn­de Place und das Gebäu­de ersetz­te eine Kir­che aus dem Mit­tel­al­ter an sel­ber Stel­le. Der Archi­tekt war der­sel­be, der für Richard Tre­vor den Bishops Place in Dur­ham ent­warf, den ich vor ein paar Jah­ren besucht habe.

Fast die kom­plet­te Innen­ein­rich­tung der Kir­che ist noch immer ori­gi­nal erhal­ten, obwohl 1841 eini­ge Umbau­ten statt­fan­den und eine zusätz­li­che Gale­rie errich­tet wur­de, damit mehr Men­schen Platz fanden.

In der Kir­che sind auch vie­le Fami­li­en­mit­glie­der von Glyn­de Place bei­gesetzt. Tafeln erin­nern an die Verstorbenen.

Den dazu­ge­hö­ri­gen Fried­hof kann ich jedoch nicht näher anschau­en. Hier müss­te erst ein­mal jemand Rasen mähen.

Da das Wet­ter so toll ist und ich irgend­wie noch kei­ne Lust habe ins Hotel zu fah­ren, ent­schei­de ich mich dazu, noch in Rich­tung East­bourne zu fah­ren. Eigent­lich total unver­nünf­tig das Gan­ze, denn ich muss in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung, aber wer will schon was ein­wen­den, wenn man allein unter­wegs ist?

So geht es dann über klei­ne Neben­stra­ßen nach Süden. Es macht ein­fach immer wie­der Spaß, die­se Strecken zu fah­ren. In Deutsch­land wäre es kaum denk­bar, sol­che Stra­ßen als Haupt­ver­kehrs­we­ge zu haben, aber hier in Eng­land funk­tio­niert das.

Rund eine hal­be Stun­de dau­ert die Fahrt, dann bin ich auch schon da am Beachy Head, jener Krei­de­klip­pe in der Nähe von East­bourne, die stolz in den Ärmel­ka­nal hin­ein­ragt. Und heu­te ist hier rich­tig was los. Das schö­ne Wet­ter nut­zen anschei­nend vie­le Men­schen, um am Strand zu sit­zen und sich zu sonnen.

Nach einer guten hal­ben Stun­de ver­ab­schie­de ich mich dann aber doch und fah­re in Rich­tung Schnell­stra­ße, die spä­ter zur Auto­bahn wird. An einer Rast­stät­te an der M25, dem Ring um Lon­don, hal­te ich und esse bei Har­ry Ramsden zu Abend. Noch ein­mal Fish&Chips muss ein­fach sein heute.

Schließ­lich errei­che ich das Hil­ton Gra­den Inn am Lon­don Heath­row Air­port und checke ein. Ich bekom­me ein Upgrade auf ein Zim­mer im ober­sten Stock­werk mit Blick auf den Flughafen.

Von hier kann ich nicht nur einen inter­es­san­ten Son­nen­un­ter­gang bestau­nen, son­dern auch das Trei­ben auf einem Teil des rie­si­gen Flug­ha­fens. Sogar die hier gepark­te Con­cor­de kann ich entdecken.

Nun gibt es nur ein klei­nes Pro­blem. Ich muss bis mor­gen früh den Miet­wa­gen abge­ge­ben haben. Aller­dings nicht hier in Heath­row, son­dern am Lon­don City Air­port, dort wo ich ihn ange­mie­tet haben. Es war nicht mög­lich, den Wagen hier abge­ben zu kön­nen, ohne einen wahn­sin­nig hohen Auf­preis zu zah­len. War­um auch immer.

Soweit so gut. Nor­ma­ler­wei­se wäre ich ein­fach mor­gen früh gefah­ren, doch heu­te ist Sonn­tag, mor­gen Mon­tag und das bedeu­tet natür­lich den Start einer neu­en Arbeits­wo­che, mit Rush­hour, vie­len Men­schen in der U‑Bahn und auf der Stra­ße und allem, was sonst noch dazu gehört. So kom­me ich auf die Idee, noch heu­te Abend zu fah­ren. Auf mei­nem Ver­trag steht ja, dass die Abga­be bis 23 Uhr erfol­gen kann.

Die Fahrt ein­mal quer durch Lon­don klappt dann auch wun­der­bar, eben­so das Voll­tan­ken kurz vor dem Ziel. Doch dann bin ich etwas rat­los, denn eine Fahr­zeug­ab­ga­be, wie ich sie ken­ne, kann ich am Flug­ha­fen ein­fach nicht fin­den. Ich fah­re erst ein­mal dort­hin, wo ich das Auto geholt habe, doch die ein­zi­ge Per­son dort ist irgend­ein Ange­stell­ter, der kei­ne Ahnung hat. So par­ke ich das Auto auf einem Stell­platz von Hertz und gehe zum Terminal.

Im Ter­mi­nal ange­kom­men, ste­he ich vor einem geschlos­se­nen Schal­ter. Ein Schild weist dar­auf hin, dass man den Auto­schlüs­sel ein­fach in den Brief­ka­sten wer­fen soll und die Abrech­nung dann per E‑Mail bekommt. Nun gut, wenn es so sein soll, dann machen wir das halt so.

Anschlie­ßend gehe ich zum Bahn­hof der Dock­land Light Rail und fah­re bis zur Tower-​Station. Von dort geht es wei­ter mit der Tube, zuerst nach Earls Court und von dort mit der Pica­dil­ly Line wei­ter bis nach Heath­row. Ich bin erstaunt, wie viel Betrieb hier noch herrscht. Nicht mal in New York waren die Züge an einem Sonn­tag­abend noch so gut gefüllt.

Nach die­ser klei­nen Rund­fahrt errei­che ich dann end­lich die Sta­ti­on Hat­ton Cross. Die letz­ten Meter zum Hotel sind dann aller­dings nicht so toll, denn die Gegend ist recht dun­kel. So lau­fe ich einen klei­nen Umweg, weil ich an der beleb­ten Stra­ße blei­ben will und errei­che dann wohl­be­hal­ten wie­der das Hotel.

Mei­len: 224
Wet­ter: son­nig, 20–27 Grad
Hotel: Hil­ton Gar­den Inn Heath­row Airport

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